12 November 2010

das Brabeck-Dilemma

 
Ich sah mir die Sternstunde Philosophie mit Peter Brabeck an, Chairman von Nestlè. Und ich wurde, hin und wieder, nachdenklich. Auf der einen Seite ist Peter Brabeck ein anständiger Mensch, der versucht seine Arbeit gut zu machen. Und er kann das. Er macht seine Arbeit sehr gut. So gut, dass er sich und seine Firma in die unglaublich gute Lage bringen konnte, nicht auf Quartalszahlen schauen zu müssen, seine Managers nicht einzig auf diese hin arbeiten zu lassen. Er sieht dies als klares Bedürfnis, ja als Voraussetzung, für ein nachhaltiges Wirtschaften. Finde ich super. Zu verschiedene Argumenten teile ich seine Meinung voll und ganz. So kann ich ihm nur beipflichten, wenn er bei den Exzessen der Managerlöhne zu bedenken gibt, dass man in letzter Zeit zu viel an das verdiente Geld von arbeitenden Menschen denkt, und zu wenig an das verdiente Geld von arbeitendem Geld. Denn dies ist das grösste Übel, am Ende des Tages. Gerade merken die G20 in Seoul, dass bei aller Globalisierung doch noch Unterschiede zwischen den verschiedenen Ländern existieren. Eines davon sind wirtschaftliche Interessen, wenn es nicht nur um das Geld verdienen geht, sondern um das "Wie Geld verdient wird". Gerade merkt man, dass es schnell gemacht ist, die ganze Welt zu einer kapitalistischen Spielwiese zu machen. Dieses Spiel dann aber zu spielen, ist eine ganz andere Geschichte. Ein zurück gibt es nicht. Doch über die Weise wie es weitergehen wird, werden sich noch einige die Augen reiben, habe ich so das Gefühl. Natürlich hütet jedes Land irgendwo in einer Schublade Szenarien die ausgearbeitet wurden für den schlimmsten anzunehmenden Fall. Doch ist man immernoch der Überzeugung, Probleme würden sich mit den bisherig bewährten Methoden lösen. So kommt es, dass das Einwanderungs-Problem der EU teilweise mit einem Gheddafi gelöst wird und Libyen im UN-Menschenrechtsrat aufgenommen wurde. Doch auf Ewig lässt sich die Weltordnung nicht mit solchen Tricks aufrecht erhalten.

Und so ist Peter Brabeck für mich das Sinnbild für das Auseinanderklaffen der Gesellschaft. Und zwar auf eine unterschwellige, nicht boshafte Art und Weise. Er ist eben noch ein aufrechter Mensch, der das Spiel gut zu spielen weiss, der darin eine Vorreiterrolle hatte und hat. Und doch trägt er dazu bei, wenn sich die Lage am zuspitzen ist. Er macht gute Arbeit und sorgt dafür, dass seine Angestellten einen guten Arbeitsplatz haben, unter guten Bedingungen schaffen dürfen. Dass er genau wie die Poulet-Produzenten die Märkte der Drittweltländer mit billiger Überschussware aus Europa überschwemmt, wird dem Credo des Business untergeordnet. So läuft nun mal das Spiel... Man bricht keine Gesetze. Man hält sich an die Regeln. Und, wenn die Regeln geändert werden müssen, dann machen das Andere. So geht die EU hin und macht Handelsabkommen mit Afrikanischen Ländern, die dann nicht eingehaltet werden. Und, weil Afrika uns ihre Barsch-Filets "verkaufen darf", dürfen wir ihnen Milchpulver aus der Schweiz und Frankreich verkaufen, zu einem billigeren Preis als es die Bauern dort machen könnten. Wie ist das überhaupt möglich? Wie kann man in der Schweiz (die so was von teuer ist) Milch produzieren, diese zu Pulver verarbeiten und das Ganze dann nach Afrika verfrachten und dafür weniger Geld verlangen, als der Bauer in Afrika für die frische Milch? Wie geht dieses Spiel?

Und so geht Peter Brabeck hin und — als er bei einer Konferenz seine Kollegen darüber sprechen hört wie sie sich Gedanken darüber machen der Gesellschaft etwas zurück zu geben — holt sich einen Professor der für ihn eine mit Preis gekürte These aufstellt die besagt, er habe schon mehr als genug der Gesellschaft zurückgegeben. Das hat er bestimmt. Die Frage ist aber: Woher hat er sich das geholt, was er für seine Firma und für die Gesellschaft erarbeitet hat? Ist in der globalisierten Welt die Gesellschaft nur eine? Nein... Ist es nicht. Und so kann man in der Schweiz sehr viel der Gesellschaft geben, wenn man den Amerikanern ihr eigenes Wasser für teures Geld verkaufen kann, nach dem man es in Flaschen gefüllt hat. Doch: Wer in der Schweiz möchte sich schon darüber beklagen, eine Firma wie Nestlè auf der Landkarte zu haben? Man will ja schliesslich nicht das Nest beschmutzen. Erst recht noch, wenn es dabei um eine Firma geht die vorbildliche Arbeits-Ethik und das Einhalten aller allgemein akzeptierten Spielregeln vorzuweisen hat. Und auch ich möchte nicht das Nest beschmutzen. Vielleicht möchte ich eines Tages noch für Nestlè Kühe melken? Man weiss ja nie... Ich möchte nur auf einige Ungereimtheiten im heutigen Denken hinweisen.

So ist sich Peter Brabeck absolut sicher (und so wie er alle grosse Wirtschafts-Kapitäne), dass die G20 voll legitimiert sind, die Weltherrschaft unter sich auszumachen. Denn schliesslich sind all diese Menschen demokratisch durch ihre Völker gewählt worden. Was ja auch keiner bestreiten kann (ausser vielleicht im Falle von China, doch dies ist eine andere Geschichte). Was die Wirtschaft und die Politik nicht merken, ist das da gewaltig was am brodeln ist. Oder, viel mehr, sie merken es sehr wohl, doch möchten auch in Zukunft mit den altbewährten Mitteln gegen komplett neue Herausforderungen antreten. Denn, so scheint uns die Geschichte zu lehren, wird das Volk immer auf die eine oder andere Weise zu lenken sein. Respektive: Es ist dankbar, sich lenken zu lassen. Doch, zwei Dinge gehen dabei vergessen. 1) Das Volk wird immer anspruchsvoller. Dieser Wandel ist auf die neuen Medien zurück zu führen, und auf die Art wie sich Information in der heutigen Zeit verbreiten kann, wie sich Menschen organisieren können, ausserhalb jeglicher Institutionen und Strukturen. 2) Die Unzufriedenen werden immer zahlreicher. Immer mehr Menschen fühlen sich nicht durch die Politik vertreten. Immer mehr Menschen finden kein Platz in der Wirtschaft. Und, wenn früher diese Menschen meistens von verschiedene Milieus aufgefangen wurden und sich darin verflüchtigten (Start-Ups, Kunst, Sport, Bio-Landwirtschaft, Religion, Drogen, Alkohol), sind es immer mehr die sich nirgends mehr unterbringen lassen oder aufgehoben fühlen. Und es sind immer mehr ganz normale und intelligente junge Menschen die mit dem Gefühl aufwachsen, es gäbe für sie kein Platz um sich zu entfalten. Immer mehr Menschen haben das Wissen und den Intellekt um Paroli zu bieten. Und wenn hin und wieder die eine oder andere Stadt in Europa Schauplatz von Ausschreitungen wird, dann ist das nur die Spitze des Eisbergs. Ob dieser ganze Eisberg eines Tages auf einem Platz stehen wird um dort die Scheiben einzutreten (wie gerade die Studenten in England, welche die Tory-Zentrale gestürmt haben) oder ob sich die Menschen organisieren und das ganze System lahmlegen werden, das steht noch in den Sternen. Das der Unmut sich aber irgendwo wird entladen müssen, und nicht nur in Jugendgewalt die dann hart bestraft wird, das ist immer mehr eine Tatsache. Und solange Angela Merkel über den Köpfen eines ganzen Landes einige wenigen Menschen Milliardengewinne verschafft zum Preis eines Bruches mit dem schon entschiedenen Atom-Ausstieg, solange wird unsere Welt nicht einfacher regierbar und bewirtschaftbar werden. Dem guten Willen aller Peter Brabecks zu trotz.

Und nun beginnen sie, die Brabecks dieser Welt, sich die Frage zu stellen: Was kann ich denn noch machen, wenn ich der Beste auf dem Spielfeld bin und dennoch die Welt vor die Hunde geht? Kennt jemand ein besseres Spiel? Nicht wirklich, oder?


More Milk  ==  The Penguin Café Orchestra