12 January 2011

plättli-leger

 
Ich bin 8 Jahre alt, in einem Sommer-Camp in Deutschland. Meine Eltern sind nicht dabei, viele Freunde von ihnen sind mit im Camp, mit ihren Kindern. Der kleine See, etwas weiter unten, ist fast komplett ausgetrocknet. Vom Ufer kann man in den See laufen, dort wo seit einer halben Ewigkeit kein Fuss getreten ist. Der Schlamm ist weich, warm, es macht Spass hier zu rennen. Plötzlich höre ich ein Cling. Ich halte, schaue auf, verdutzt, fragend. Irgendwo ist Glas. Habe ich es gesehen? Oder mir nur vorgestellt? Ich weiss es nicht mehr genau. Die Kinder um mich herum sehen mich an, als ich den Fuss hebe und es rot auf den braunen Schlamm tropft. Es fliesst, eher. Nun merke ich den Schmerz. Ich beginne zu schreien, zu weinen. Ich kann mich nicht bewegen, ein Fuss im Schlamm, den andern in der Hand. Irgendwer trägt mich ans Ufer. Dann ins Auto. Handtücher werden organisiert. Der alte Volvo, einer dieser runden Volvos, dunkelgrün, jagt die Kurven hinauf. Wir kommen an. Ich sitze auf einer Stufe im Treppenhaus, während wir alle auf die Ambulanz warten. Und wir warten eine weitere halbe Ewigkeit, wie mir scheint. Irgendwann geht's los. Mit Blaulicht. Die Fahrt ist lang, bestimmt eine Halbe Stunde — also eine Ewigkeit. Hin und wieder, an den Kreuzungen, tönt die Sirene. Ich weiss gar nicht ob das nötig ist. Ich habe zwar viel Blut verloren, vielleicht ist es deswegen? Oder möchte der Fahrer diesem Kind, alleine im Krankenwagen mit seinem blutenden Fuss eine kleine Freude machen? Möchte er ihn von seinem Schmerz und seiner Angst ablenken? Angst habe ich zwar keine mehr. Die hatte ich, am See, im Anblick des Blutes und, später, der klaffenden Wunde. Nun, wo ich im Wagen sitze, mit diesen weiss gekittelten Männern, habe ich keine Angst mehr. Man wird sich um mich kümmern. Ich bin zwar erschöpft: Es sind viele Ewigkeiten auf ein Mal gewesen, für ein Kind. Man wird sich wohl um mich kümmern, oder? Man tat es. Sehr gut, würde ich sagen. Ich habe überhaupt keine schlimme Erinnerung, an diesen Spital-Aufenthalt. Sehnen-Riss. Die Sehne der Zehe ist angerissen. Eine grosse Wunde. Lang. Tief. Es muss genäht werden. Es muss eingegipst werden. Zum Glück ist die Sehne nur angerissen und nicht durchtrennt. Mit einem Gips, mit Ruhestellung, sollte es heilen können.

Drei Wochen später. Ospedale Beata Vergine, Mendrisio. Not-Aufnahme. Wartesaal. Ich habe einen Termin, um das Gips entfernen zu lassen. Ununterbrochen fahren Krankenwagen ein, mit Notfälle. Diese haben, natürlich, den Vortritt. Also füllt sich langsam der Wartesaal. Nach einer halben Ewigkeit kommt ein Arzt raus und meint, das würde so weiter gehen. Er sagt, ich solle doch rauf, das Gips aufschneiden lassen, und dann wieder hier in den Wartesaal. Er wird dann das Gips öffnen, den Fuss schnell ansehen und mich dann nach Hause schicken. So wird's gemacht. Eine halbe Stunde später ist der Gips an meinem Knöchel durchgeschnitten. Man muss ich nun nur noch öffnen, in 2 Hälften, wie man einen Pfirsich öffnet. Der Arzt kommt in den Wartesaal, sagt ich solle den Fuss auf den Stuhl vor mir legen, und öffnet das Gips. Was nun folgt ist eine Minuten lange Fluch-Tirade in seiner Muttersprache — ich glaube er war aus Jugoslawien — unterbrochen durch Kraft-Ausdrücke in Italienisch. Die Leute im Wartesaal stehen auf und laufen davon, sie laufen raus: Der Gestank ist derart widerlich, das hält niemand aus. Ausser die, die keine andere Wahl haben. Und da wären der Arzt, meine Mutter und ich. Im jetzt leeren Wartesaal. Wir bleiben aber nicht lange hier: Nun ist auch mein Fall eine Art Notfall. Ein 3 Wochen alter, zwar, aber ein Notfall.

In Deutschland hatte man vergessen, ein Fenster in das Gips zu schneiden, um Luft an die Wunde zu lassen. Man hatte es vergessen. Vergessen... Ich kann es selbst jetzt, beim Schreiben, fast nicht glauben. Da kam also täglich ein Arzt vorbei, für die morgendliche Visite. Zusammen mit den anderen, besprach er mein Fall am ersten Tag. Und dann ging es so weiter. Tag für Tag. Nun ohne Besprechung. Und die Wunde, die grosse genähte Wunde war da, unter dem Gips. Und der Arzt vor dem Gips. Ob er hin und wieder so ein komisches Gefühl hatte, wie einer der schwören könnte etwas vergessen zu haben doch einfach nicht darauf kommt, was dies wohl sein mag, ob der Arzt ein solches Gefühl verspührte, werde ich wohl nie erfahren. Der Arzt in Mendrisio meinte später mehrmals, es grenze an ein Wunder, dass ich nicht den Fuss oder sogar das Bein verloren habe. Er meinte, ich müsse ein sehr sehr gutes Blut haben, um ganz ohne Folgeschäden davon gekommen zu sein.

Ein 8 Jahre altes Kind spielt in einem See, im Hochsommer. Es ist seinem Blut zu verdanken, dass er nun noch beide Füsse hat. Dies wegen eines Vergessens, von Seite einiger Ärzte. Und nun frage ich: Wäre nicht allen gedient gewesen, wenn diese Ärzte in Deutschland Plättli-Leger als Beruf gewählt hätten? Wäre es nicht für alle besser gewesen? Gott bewahre, doch wer weiss wie viele Kinder kein solch gutes Blut hatten, die ihnen unter die Finger gekommen sind...

Wie viele Fehler sind erlaubt, wenn man mit Menschen arbeitet? Und welche? Und... Welches Anrecht haben Menschen, die mit Menschen arbeiten, sich nicht ihren Fehlern stellen zu müssen? Wussten sie nicht, als sie den Beruf wählten, dass sie eine enorme Verantwortung damit auf sich nehmen würden? Wussten sie nicht, dass sie sich mit um etwas vom Kostbarsten auf dieser Welt verantwortlich machten? Nämlich um Menschenleben? Ab wann ist die professionelle Laufbahn des Arztes wichtiger als das verpfuschte Leben eines Patienten?

Plättli-Leger machen Fehler. Ärzte machen Fehler. Der Plättli-Leger, der relativ geringe Schäden verursachen kann, wird für jeden Rappen gerade stehen müssen, das steht einmal fest. Der Arzt, der vielleicht eine ganze Familie ins Elend stürzt, wird eventuell für gar nichts gerade stehen müssen. Ärzte sind rar, Ärzte sind schwierig zu finden, Ärzte sind wertvoll. Und dem stimme ich voll und ganz zu. Gute Ärzte, sind sehr sehr wertvoll. Patienten sind es aber auch. Das richtige Mass zu finden, beim schützen der Ärzte und beim schützen der Patienten, das muss noch gemacht werden. Da steht noch eine ganze Menge Arbeit an, die zu machen ist. Und dazu braucht es gute Juristen. Und keine Plättli-Leger oder reine Wirtschafts-Experten.

Ich, ich danke meinen Eltern, für mein gutes Blut. Und den guten Ärzten, denen wir (meine Familie und ich) auf unserem Weg begegnet sind.

Siehe auch den Post Gute Erinnerung