13 December 2011

den letzten Satz aushalten

 
Ich habe mir viele Gedanken darüber gemacht, was mich Lady Marmelade gefragt hatte, als ich ihr von einem Nervenzusammenbruch erzählte, viele viele Jahre zuvor, mit etwas mehr als 20, am Esstisch, mit Freundin und Freunden, völlig unerwartet, von jetzt auf plötzlich... Sie hatte mich gefragt, ob das Ganze zu schön gewesen war um es aushalten zu können. Ich habe mir viele Gedanken darüber gemacht, denn auf diese Weise hatte ich es noch nie betrachtet. Es wäre irgendwie tief beunruhigend, wenn irgendwas in dir es dir verunmöglichen würde, Dinge ab einem gewissen Grad an Schönheit und Erhabenheit aushalten und empfinden zu können. Ich wäre irgendwie beunruhigt, wenn ich zu der Schlussfolgerung käme, nur einen maximalen Punkt an Freude empfinden zu dürfen — wo bliebe dann noch Raum für Ekstase? Ich möchte kein Leben ohne die Möglichkeit der Exstase! Inzwischen habe ich eine Antwort gefunden. Und wenn ich eine Antwort gefunden habe, ist es bestimmt nicht einer Lady Marmelade zu verdanken. Und noch viel weniger einer Frau Maier. Doch dies ist eine andere Geschichte.

Zu dieser Zeit fühlte sich nichts als "mein" an. Ich war nicht mein, meine Gefühle waren nicht mein, mein Leben war nicht wirklich mein. Damit lebte ich schon seit einiger Zeit, irgendwie. Es liess sich damit leben, mehr schlecht als recht, aber es ging. Was das Fass zum überlaufen brachte, war sehr wohl eine Art von "zu viel des Guten", doch was ich nicht aushalten konnte war nicht die Menge oder die Qualität des Guten, sondern viel mehr dass all dies viel zu gut war um es zu erleben und es aber dennoch nicht wirklich zu empfinden. Ich wurde mit all dieser Fülle vom Leben beschenkt doch es fühlte sich nicht als mein Leben an. Ich realisierte, welche Fülle mich umgab, aber weshalb fühlte es sich nicht so an? Welche Tragik birgt sich hinter der vielleicht unbewussten Erkenntnis, reich beschenkt zu werden und nichts aus diesem Geschenk machen zu können? Mein Herz wurde aus Stein. Doch damals war ich weit davon entfernt, dies alles mit der Klarheit von heute zu verstehen. Nicht die Güte war für mich nicht auszuhalten, sondern dessen Verschwendung.

Inzwischen merke ich auch, dass ich nicht nur "für den Papierkorb" erlebt hatte, dass nicht alles für immer verloren sein sollte: Heute weiss ich wie Lichtstrahlen aus diesen Tagen mich bis heute begleiten. Und jetzt wo ich endlich dieses schwarze Loch, diese Angst alles schöne in meinem Leben kaputt machen zu müssen hinter mir lassen kann, fühle ich mich befreit.

Heute weiss ich: Solange ich dafür sorge, dass es mein Leben und mein Film sind, die ich erlebe, werde ich auch die aller schönsten Szenen aushalten können. Vielleicht gibt es keine Happy-Ends im Leben, vielleicht ist jedes Happy-End nur das Ende einer Episode die immer eine Fortsetzung finden wird, eine Fortsetzung von der wir nicht wissen können wie sie uns gefallen wird. Vielleicht auch deshalb bin ich um so mehr für all das Gute und Schöne in meinem Leben bereit. Ich freue mich darauf in der Gewissheit, es wird mich nicht zerreissen. Ja, ich freue mich inzwischen auf den letzten Satz einer jeden Episode.