26 January 2011

Mensch sein – zum 2.

 
Köstlich, zu hören wie Daniel Vasella auf die Frage
Welche ist die wichtigste Eigenschaft, heute, für einen Top-Manager?
folgende Antwort zum Besten gab
Mensch zu sein

Ich amüsierte mich, weil ich vor nicht all zu langer Zeit den hier verlinkten Post "Mission: Mensch sein" geschrieben hatte, über einen Film mit Robert De Niro und über Weltanschauung. Vor bald einem Jahr hatte ich hingegen Daniel Vasella selbst angesprochen, in den Posts "Kaffee und Schaum" sowie "ICH bin es WERT"

"Mensch sein"... Wir sagen also das selbe, und meinen ganz was anderes. Denn, genau unsere Verantwortung als Mensch, auch wenn wir innerhalb eines grossen Konzerns handeln, versteckt hinter der Institution, genau diese Verantwortung wollte ich in diesem Post ansprechen. Es ist eine äusserst kluge Antwort, die Vasella hier gibt. Nicht bindend, scheinbar tiefgründig, nicht eingebildet oder herablassend wirkend... Ein Schmuckstück an moderner Corporate Communication. Eines wurde mir während dem Interview in der Sendung "Sternstunde Religion" klar: Daniel Vasella ist für das Unternehmen das ihn bezahlt jeden einzigen Rappen wert! Es besteht offensichtlich keinen Zweifel daran. Allgemeiner Konsens. Und dies ist, gerade zur jetzigen Zeit, schon mal eine Leistung! Und dann noch bei einem solchen Preis...

Dann kam das Gespräch darauf, wie wichtig es sei 1) seine Mitmenschen so zu behandeln wie man selbst möchte behandelt werden. Er unterstrich noch den Aspekt der Unterlassung, also 2) "Tue deinem Nächsten nichts an, von dem du wünschst es werde dir selbst nicht angetan."

Zum Ersten Teil möchte ich vielleicht sagen, wie jeder Mafia-Boss, jeder grössere Dealer, jeder grössere Verbrecher immer darum besorgt war, sich in der Bevölkerung Wohlwollen zu holen. Wie viele Schwerst-Verbrecher haben die lokale Bevölkerung unterstützt, wo der jeweilige Staat seine Schwächen offenbarte? Wie viele Schulen und Spitäler auf dieser Welt sind mit Geldern einer kriminellen Organisation errichtet worden? Ich war schon ein erwachsener Mann als einer der grossen Kartell-Bosse Kolumbiens dem Staat folgenden Deal anbot: Er würde jegliche ausländische Schulden des Landes höchst persönlich berappen, würde man ihm im Gegenzug Immunität gewährleisten. Man muss sich das einmal vorstellen: Ein einziger Mann, so mächtig dass er den kolossalen Schulden-Berg eines Landes wie Kolumbien auf ein Mal zu tilgen im Stande ist! Nun, wäre man damals in bestimmte Quartiere und ländlichen Gegenden auf die Menschen zugegangen und hätte man sie nach ihrer Meinung gefragt, wie viele von ihnen hätten diesen Mann als grosszügigen, durch und durch guten Menschen bezeichnet? Heute ist bekannt, das Angebot im Tausch seiner Immunität ist ein Märchen, das aber durch die ganze Welt ging — völlig undenkbar war es schliesslich nicht. Tatsache ist auch, dass die Realität damals viel schlimmer als jeder Mythos ausgesehen hat. Pablo Escobar, dieser Drogen-Boss hatte Politik und Justiz unterwandert, er hatte die Macht die Konstitution zu seinen Gunsten ändern zu lassen, er hat ein Blutbad angerichtet, er konnte sich selbst ein Gefängnis bauen in das er bereit gewesen wäre sich einzusperren lassen. Angst, Schrecken und Terror waren die Folgen des Aufeinanderprallen seinem Grössenwahns mit der Realität. Und dennoch, so tragisch dies auch ist, sein Name ist heute noch für viele Menschen in Kolumbien ein Mythos, seine Person wird idealisiert und hoch stilisiert. Geld und Macht verführen Menschen so sehr, dass sie selbst Blut und Mord die daran kleben verdrängen können. Wie soll der Mensch also noch im Stande sein, sich über eine unmoralische und Menschen verachtende — und absurderweise völlig legale — Art, Geld zu machen, zu empören? Wie soll sich der Mensch noch über Spekulation an der Börse, Steuer-Oasen für Super-Reiche, Exporte von Billigst-Produkte von Europa nach Afrika noch empören? Vor allem, wenn man bedenkt, dass man den Menschen auf der ganzen Welt vorzugaukeln versucht, diese Art zu Geschäften sei die einzige Rettung vor dem vermeintlichen Abgrund des wirtschaftlichen Untergangs.

Natürlich möchte ich das Geschäften Escobars in keiner Weise mit irgendwas vergleichen was in der Schweiz geschieht. Doch diese Geschichte zeigt uns exemplarisch wie Mythen entstehen und wie sie über Jahre und Kontinente bestehen können, völlig unabhängig davon wie entfernt sie auch von der Realität sein mögen. Heute erliegen wir eines der ganz grossen Mythen der Menschheit: Dem Mythos der Wirtschaft.


Zum zweiten Teil, da kommt in mir schon ein bisschen Wut auf... Denn sofort kommt mir hier der Gründer von Crossair, Moritz Suter in Sinn. Er hat bestimmt keiner Fliege in seinem Umfeld etwas zu Leide getan. Niemand kann ihm etwas vorwerfen. Selbst der Prozess der ihm gemacht wurde, in Zusammenhang mit dem Absturz eines Fliegers seiner Gesellschaft, blieb ohne Ergebnis. Doch es hatte ihn den Ehrgeiz gepackt. Und genau dies ist der Punkt, der mich so aufwühlt. Wann wird je eine führende Persönlichkeit dafür verantwortlich gemacht, was das Unternehmen an Fehlern begangen hat? Moritz Suter hat ohne Zweifel ein schlechtes Klima mit zu verantworten, innerhalb der damaligen Crossair. Man stelle sich vor: Ein dort angestellter Pilot verdiente zu Beginn seiner beruflichen Laufbahn weniger als was ich verdiente, bevor ich krank geschrieben wurde! Und ich bin seit inzwischen bald 30 Jahren Opiat-Abhängig! Und: Ich habe niemals die Verantwortung über mehrere Dutzend Menschen gehabt! In den Cockpits konnten Kapitän und Co-Pilot oft fast nicht miteinander kommunizieren, weil sie nicht eine gemeinsame Sprache beherrschten und teilweise nur gebrochen Englisch sprachen — gerade so viel wie für den normalen Funk-Verkehr notwendig! Der Staatsanwalt musste sich geschlagen geben: Juristisch kann man in der Schweiz einen Moritz Suter nicht dafür verantwortlich machen, was zum Tode vieler Menschen geführt hatte.

Siehe auch die hier verlinkten Posts
Mehrfach-Moral,
das Brabeck-Dilemma
und die 2 Posts betreffend der
UBS Affäre


Ich möchte Daniel Vasella auf keinem Fall die Verantwortung für irgendwas geben. Überhaupt nicht. Ich habe keine Ahnung davon, was Novartis überhaupt für Geschäfte macht. Niemals möchte ich hier behaupten, Vasella trage in der Tat Verantwortung für etwas, Verantwortung die er nicht wahrnehme. Nein... Ich möchte aber dennoch die Frage in den Raum stellen, ob es überhaupt menschlich möglich ist, Chef eines solchen Konzern zu sein und gleichzeitig zu behaupten, man würde nach dem Prinzip handeln, keinem etwas anzutun? Kann man das wirklich? Ich meine... Wenn das wirklich möglich sein sollte, wenn Daniel Vasella vor dem Schöpfer treten könnte und sich seiner Unschuld sicher wäre, dann ist es kein Wunder weshalb er der Millionär ist und ich der arme Schlucker: Ich würde mich schon schuldig fühlen, bevor ich meine Unterschrift unter einem solchen Vertrag setzen würde. Aber dies ist eher mein Problem, oder?

Gerade kommt die Wahrheit über Tamiflu und die Machenschaften von Roche ans Licht, was die Zulassung dieses Produkts angeht. Selbst ich habe inzwischen von der dunklen Seite von Tamiflu gehört. Ich, der sich nicht über gut recherchierte Presse informieren kann, weil er zur Zeit nicht imstande ist zu lesen. Doch dies ist eine andere Geschichte. Mit anderen Verantwortlichen.


Ich möchte keine Schuldzuweisungen an die Adresse von Daniel Vasella machen. Ich möchte aber betonen, dass "Menschen" morden, vergewaltigen, lügen, verraten, schmieren, hinterziehen usw. Und ich möchte damit die Frage stellen, ob es wirklich genügen mag
Mensch zu sein
um eine Verantwortung wahr zu nehmen wie die, Chef eine Unternehmens wie Novartis zu sein.

Schlussendlich ist auch jede der Figuren in "The Mission" ein Mensch gewesen. Ist das in unseren Augen, heute, genug? Wie wird man das Handeln eines Daniel Vasella in einigen Hundert Jahren beurteilen? Wird man einen Film darüber drehen?