02 November 2010

trügerische Warnungen

 
Wieso um alles in der Welt ergaben sich derartige Umstände, damals, die es überhaupt möglich machten, dass ich derart traumatisiert wurde? Wie ist es möglich, dass man den Schluss ziehen könnte, jegliche Arten des Selbstschutzes haben versagt? Man könnte meinen, die elementarsten Mechanismen zum Schutz von Angriffen, sogar der grundsätzliche Selbsterhaltungsinstinkt seien ausgeschaltet gewesen.

Meine Aufmerksamkeit, so lese ich heute die Ereignisse, war nicht im "Notfall-Modus", was mit ziemlicher Sicherheit ausserhalb der Klinik geschehen wäre. Paradoxerweise, war die Unmenge an Hinweise die man mir gab, mit ein Grund dafür, dass ich niemals mit einem grossen Problem gerechnet hätte. Eigentlich geschah ziemlich das Gegenteil: Weil so ziemlich jeder Mensch um mir herum Bescheid wusste, weil sogar Leute der Bundespolizei auf irgend eine Weise bis ins kleinste Detail Bescheid wussten, weil derart viele Personen irgend ein vermeintliche Apokalypse ansprachen, andeuteten, aber nicht mit dem wahren Namen nannten und auch nicht explizit davor warnten, weil dutzende von Menschen besser als ich wussten was nun mit mir geschehen sollte, fühlte ich mich fälschlicherweise in Sicherheit — zumindest, aber dies bezüglich ohne den kleinsten Zweifel, in Sicherheit vor Dinge die nicht rückgängig gemacht werden konnten. Ja... Ich machte den entscheidenden Fehler, davon auszugehen, dass man nicht einfach zusehen würde, wie ich einen grossen Schaden erleiden würde.

Ja genau: Es war, als käme man auf seiner Fahrt durch die Nacht, an eine Stelle an der es nur so von Polizisten wimmelt. Unzählige Warnschilder sind am Strassenrand platziert worden, der Verkehr wird verlangsamt, von 3 Spuren ist jetzt nur noch eine befahrbar. Die Stelle ist eigentlich sehr gut gesichert worden, die Verkehrsführung klar und eindeutig. Es könnte durchaus sein, dass es auf den nächsten Kilometern einen schweren Unfall gab, was zu diesem Polizei-Einsatz führte. Oder wird gerade eine Kontrolle durchgeführt, im grossen Stil? Suchen sie nach einer bestimmten Person oder ist es eher eine ordentliche Sicherheits-Kontrolle? Oder ist die Fahrbahn beschädigt, durch die Unwetter der letzten Tage? Ein Spezial-Transport? Eine Spezial-Baustelle, vielleicht für eine Pipeline um Gas aus Russland in Europa zu den Abnehmern zu befördern?

Wie auch immer. Viel Polizei, viele Schilder, ein Ausnahme-Zustand, aber überhaupt keinen Chaos, keine ersichtliche Gefahr. Natürlich hält man sich ab nun genau an das einem Befohlene, von den Strassenschildern klar Mitgeteilte. Spurenwechsel, Höchstgeschwindigkeit, Vorsicht: Rutsch-Gefahr, Überholverbot, tiefere Höchstgeschwindigkeit, Vorsicht: Dies und Jenes, noch tiefere Höchstgeschwindigkeit, noch mehr Vorsicht, und so weiter und so fort. Nach bester Schule der Verkehrsleitung. Natürlich ist man aufmerksam. Aber man geht auch davon aus, dass die Einhaltung jeglicher Einschränkungen und Verbote einem davor bewahrt, in eine komplett nicht zu meisternde Situation zu gelangen. Dafür spricht auch, dass die Autos vor einem langsamer als normal aber fliessend und ohne zu zögern verkehren. Gerade die gute Beschilderung der Stelle und die klare Verkehrs-Führung geben einem den Eindruck, gut aufgehoben zu sein. Man fühlt sich gut geführt und vor schlimmen Überraschungen geschützt.

Und dann plötzlich: Eine derart scharfe Kurve vor einem grossen Berg von Schutt! Es dauert nur einen kurzen Augenblick. Von 80 Stundenkilometern hat das Auto nun auf 0 gebremst. Oder eher, es ist gebremst worden. Jeder Versuch zu bremsen, das Lenkrad noch herumzureissen, zu schalten, gegen zu lenken, ist schneller vorbei als man denken kann. War da nicht noch ein Schild gewesen? Ja... Sogar mehrmals wurde auf eine Rechtskurve hingewiesen, wiederholt wurde davor gewarnt. Aber... Wieso hatte man nicht bremsen müssen? Weshalb wurde die Höchstgeschwindigkeit nicht auf 30 Stundenkilometern gesetzt? Und wie ist es möglich, dass eine derart gefährlich Kurve nicht besser beleuchtet ist? Weshalb sieht man die Blinklichter nicht schon von einem Kilometer Entfernung? Weshalb hat man die Verkehrs-Führung zu Beginn mit derart hohem Standard gestalten, um dann bei der wichtigsten und gefährlichsten Stelle völlig zu versagen?

Wie kann es denn überhaupt sein, dass vorne so viele Polizisten stehen, die sich einzig und allein um den Verkehr kümmern, und keiner von denen stört sich an dem was etwas weiter auf der Strecke geschieht? Wissen die nicht, wie ernst und lebensgefährlich die Lage hier an dieser Kurve war? Oder hatten sie alles richtig gemacht und wurden Opfer von Sabotage? Hat eine Gruppe perverser Sadisten die wichtigsten Warnschilder wieder entfernt, im Schutz der Dunkelheit? Sind hier irgendwelche Verrückte am Werk, die es auf das Leben der Autofahrer abgesehen haben? Ist das Überhaupt möglich, ist dies denkbar? Wird hier bewusst das Leben unbekannter, unwissender und unbescholtener Menschen aufs Spiel gesetzt? Und die Schuld soll auf die Polizei zurückfallen? Wie lang wird es noch gehen, bis man von dieser sich abspielenden Tragödie merken wird? Wie viele Menschen werden noch hier mit ihrem Schicksal zusammenkommen, völlig unerwartet und unvermittelt? Wie viele grosse und kleine Autoinsassen werden auf diesen wenigen Metern Asphalt ihren letzten Atemzug machen dürfen? Wie viele haben beim Einsteigen in das Auto ihre letzte Schritte gemacht? Wie viele Schicksale werden hier heute auf die Probe gestellt?

Oder besteht eventuell die Möglichkeit, dass weit und breit niemand sonst Probleme hat, mit dieser Kurve? Wurden von jedem anderen Menschen Schilder und Warnungen gesehen, die in dieser Nacht einem einzigen Mensch entgangen sind? Ist vielleicht kein Polizist zu wenig aufmerksam und kein Wahnsinniger am Werken um krankhaft Leid in die Welt zu tragen? Ist dies, hier und jetzt, für einen einzigen und ganz bestimmten Menschen die Verabredung mit dem Schicksal?

Wahrend dieser letzte Gedanke durch meinen Kopf schiesst, komme ich gerade noch dazu zu realisieren, dass ich — gleichzeitig zu den Kräften die das Metall zu biegen und quetschen beginnen — es wieder einmal fertig gebracht habe, an die Harte Klinik zu denken. An die Ereignisse, damals, vor 3 Jahren. Wie um alles in der Welt ist das möglich, dass ich in diesem Moment nichts besseres zu tun habe, als einen Bezug zwischen diesem Unfall und das von mir vor 3 Jahren erlebte herzustellen. Hat mein Hirn wirklich nichts anderes zu tun? Ist das alles, wozu ich noch fähig bin? Und mein Herz? Weshalb hat mein Herz gar nichts mehr zu melden? Dabei waren wir ja gerade einen riesigen Schritt weiter gekommen. Noch nie zuvor, zumindest noch nie im Erwachsenen-Alter, hatte man sich so gut verstanden und dermassen harmoniert. Niemals zuvor konnte man sich so sehr aneinander und an das Leben erfreuen. Was ist aus meinem Herz geworden? Was hat mein Hirn nur mit meinem Herz angestellt, dass ich es schon seit so langer Zeit nicht mehr gehört habe? Was macht mein Hirn? Was soll das? Wann wird es endlich einmal Ruhe geben? Wann wird es aufhören?

Und dann, das Auto sich mehrmals überschlagend, Geräusch von Metall, Geschwindigkeit, Reibung, Glassplitter und kleine Steine auf der Haut, in der Haut, der Ton panischer Angst in den Ohren, das Geruch schicksalhafter Augenblicke in der Nase, sich mit verbranntem Gummi mischend, den Song in den Boxen wahrnehmend, die herum fliegenden Objekte in Zeitlupe sich bewegend, den Wunsch nach einem schönen Gedanken fühlend, dann hörte es auf.